Hinter den sieben Bergen
Hinter den sieben Bergen liegt nicht etwa das Haus der sieben Zwerge, sondern die norwegische Stadt Bergen, in der es angeblich immer regnet. Bergen schmiegt sich um eine Bucht in einem Labyrinth von Fjorden und Fjördchen. Viel Wasser und viele Berge jedenfalls. Eigentlich erstaunlich, dass hier an diesem gut versteckten Ort eine derart reiche Stadt entstanden ist. Damals im Mittelalter. Heute kommt man mit dem Express Boot oder der Bergenbahn nach Bergen. Damals mit Ruder- und Segelschiffen, beladen mit Stockfisch und später mit Waren für den hanseatischen Handel. Pelze und Wachs gegen Butter, Getreide, Vieh und Fisch.

Ich jedenfalls komme mit dem Fjord1 Express Boot im Hafen an. Mein Gepäck: ein Wanderrucksack. Mit mir: mein Wanderbegleiter. Am Kai von Aurland hatten wir noch nicht genug von diesem schönen Land und beschlossen, dass wir nach unserer Wanderung noch einen kurzen Trip nach Bergen vertragen könnten. Die Fahrt dauert ein paar Stunden, ist sehr komfortabel und die Kulisse lässt das Herz anders klopfen: dunkles, tiefes Wasser, hohe grüne Berge und blau-weißer Himmel.

In Bergen scheint wider Erwarten die Sonne.Und es ist bunt. Das fällt sofort auf. Blaue, rote, grüne, sandfarbene und weiße Holzhäuser drängeln sich links am Hafenrand. Das ist das weltberühmte historische Hanseviertel Bryggen, das Bergen ein UNESCO Weltkulturerbe beschert hat. Zu meiner Rechten, wo ich aussteige, sieht es weit weniger malerisch aus. Ich betrete eine Straße mit schlichten fünfstöckigen Häusern, die im Erdgeschoss Boutiquen beherbergen. Natürlich ist mir klar, dass dieses Bergen einfach nur eine uralte Stadt ist, die sich seit vielen Jahrhunderten verändert, auch wenn die Zeit im Stadtkern, zumindest architektonisch, stehen zu bleiben scheint. Dort befindet sich die weltweit anzutreffende Fressbude mit dem goldenen M in einem gediegenen beigen Holzhaus. Von innen findet man sich aber gleich zurecht, denn es sieht aus wie in unzähligen anderen Filialen auf diesem Planeten.
Im alten Stadtkern ist Bergen bezaubernd! Ein Mosaik bunter Holzhäuser, die meisten sehr gepflegt. Mit Rosen und Rhododendron vor der Tür und anderen Blumen an den Fenstern. Es riecht nach Bergluft und nach Meer. Bei jedem neuen Sträßchen, dass sich vor mir auftut, könnte ich die Kamera herausholen, um das was ich sehe für immer festzuhalten. Die Katze, die durch eine Klappe in der roten Tür in den üppigen Vorgarten schlüpft. Das Händchen haltende ältere Paar auf der schnörkeligen Bank vor dem Haus. Den schlendernden Musiker mit dem Gitarrenkoffer. Ich könnte ewig durch die kleinen Gassen laufen und mich in Details verlieben, doch ich bin mit meinem Wanderfreund am Fischmarkt verabredet. An DEM Fischmarkt, der ebenso wie die sieben Berge und Bryggen auf jedem Bergen-Flyer Erwähnung findet. Den Fischmarkt finde ich jedoch nicht sehr beeindruckend. Nett, ja. Ein paar Fischhändler, ein paar Meerestier-Imbissbuden, ein wenig Touristen-Kitsch, und noch ein großer Blumenstand. Das war’s. Aber der Teller mit Garnelen ist köstlich!

Wir schlendern ziellos durch die kleinen Gassen, stöbern hier und da Streetart auf und halten immer wieder an kleinen Menschentrauben, die sich um die vielen Straßenmusiker bilden. In dieser Stadt, in der sich Bands wie Röyksopp und Kings of Convenience formiert haben, ist Musik an jeder ungeraden Straßenecke! Das Teenager-Mädchen mit der Violine, die zwei weissrussischen Xylophonspieler, die Brassband, der Opernsänger und die klappernden Segelmasten.
Die Sonne scheint dazu, als ob das hier normal wäre. Noch halte ich das mit den 235 Regentagen in Bergen für ein Gerücht. Doch schon am nächsten Morgen sieht die Welt anders aus. Wir haben, trotz der direkt unter dem Hotelzimmer gelegenen Diskothek, in der das Bier im Laufe des Tages immer teuerer wird und in der ich in der nächsten Nacht, trotz Wanderoutfit (mangels alternativer Garderobe) einen Heiratsantrag bekomme, tief geschlafen und erwachen einigermaßen fit. Regentropfen rutschen am Fenster runter und rücken die Welt in Bergen wieder ins Klischee. Draussen, die Bergenser, die lassen sich kein bisschen vom Regen beeindrucken und verfolgen entspannt ihre Ziele. Die Touristen drücken sich an den Häuserwänden rum.

Wir beschliessen mal ganz faul zu sein und zudem etwas zu tun, wozu wir einerseits zu fein sind und andererseits albern genug. Wir besteigen den grün-roten Sightseeing-Zug auf Rädern, den Bergens Expressen, und lassen uns bequem und trocken durch den Fisselregen ziehen. Eine geniale Idee! Anders als der Name vermuten lässt, macht der grün-rote Zug genau das, was wir von ihm erwarten: Bummeln. Langsam fahren wir an den Holzhäusern am Kai von Bryggen vorbei, schlängeln uns durch die Gassen und fahren die Fjellveien Allee hinauf. Wir halten an einem Kiosk. Erfrischungspause. Alle Passagiere können aussteigen und sich ein Sandwich kaufen oder eine Cola. Ausserdem hat man hier einen schönen Blick auf Bergen. Den hatten wir zwar schon tags zuvor, als wir nach 8-minütiger Drahtseilbahn-Fahrt die Aussichtsplattform am Berg Fløien erreichten. Aber egal, von oben sieht die Welt halt immer anders aus. Oft schöner. Also steigen wir auch aus, vertreten uns die Beine, stimmen ein in den murmelnden Chor aus “ach guck mal, da ist dies und da ist das. und ist das nicht der Fischmarkt?!” Und dann steigen wir wieder ein, denn der Bummelzug hat ja noch ein paar Sehenswürdigkeiten zu umfahren.

In Bergen trinken wir zu viel leckeres und teures Bier, essen hervorragenden Fisch und mittelmäßige Spaghetti Bolognese. Nach knapp 40 Stunden machen wir uns auf dem Weg zum Bergenser Hauptbahnhof. Mein Wanderbegleiter hat dabei wie immer ein Auge für verlorene Münzen auf dem Gehsteig. Als wir am Bahnhof ankommen hat er eine kleine internationale Sammlung in seiner Hosentasche. Wir warten auf die Bergenbahn, die uns einmal quer durchs Land nach Oslo bringen soll. Wir essen ein Sandwich, beobachten die Tauben und ich denke „Hierher muss ich unbedingt noch einmal kommen.“
Alle Beiträge dieser Norwegen-Reise:
Reisen til Norge
Ins Land der exzentrischen Os
Musik liegt in der Luft
Hinter den sieben Bergen
Weitere Fotos auf flickr.
Alle Fotos: Klaudia Pirc / aufgenommen in Bergen und Aurland, Norwegen // CC BY-SA
2 Kommentare







Ein schöner Bericht. Bergen ist mir nach Oslo auch die liebste Stadt in Norwegen, da sie doch noch sehr ursprünglich geblieben ist. Am liebsten halte ich mich in Bryggen auf. Ihr Artikel ist wirklich schön geschrieben und macht mir Lust, mich wieder auf den Weg zu machen in diese schöne Stadt
ich habe nur einen kleinen Teil von Bergen gesehen. Der wirkt einigermaßen ursprünglich. Aber das ist natürlich größtenteils nur restaurierte und gut erhaltene Fassade, nehme ich an. Die Menschen dort leben jedoch nicht mehr ursprünglich. Auch in Bergen ist die Zeit nicht stehen geblieben. Ich war nur knapp zwei Tage dort. So was lässt sich ja nicht in so kurzer Zeit erfassen.
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